Was wollen wir?

Die Stadt gehört uns allen!

Diese Überschrift haben wir schon oft gelesen, und von den meisten Bürgern wird sie immer noch versehentlich den ehemaligen Sponti- und Hausbesetzerszenen zugeordnet. Wenn sie unbefangen überdacht wird, zeigt sich jedoch ein einfaches, wahres Bild.
Der Grund und Boden einer Stadt gehört selbstverständlich nicht allen, sondern den Kommunen und Gemeinden sowie unzähligen Privatbesitzern, Gesellschaften, Institutionen und Investoren. Die «Stadt» jedoch, die so viel mehr ist als nur das Land, auf dem sie steht, gehört all denen, die sie mit ihren Steuern, Investitionen und Engagements bezahlen. Die Stadt ist mehr als ein Geflecht funktionierender technischer Systeme, mehr als Zusammenballung von Baukörpern und Anlagen. Sie ist Lebensraum, soziales Gefüge, spezifische Situation, die Konsequenz ihrer Historie, Schule und Zukunftslabor. Sie ist kein Lebewesen, aber ein sozusagen denkender Raum mit eigener «Persönlichkeit», gespeist von allen Aktivitäten ihrer Bewohner und Verwalter. Wir alle bezahlen für ihr Funktionieren, welches durch unsere Vertreter gesteuert und durch eine Vielzahl von Spezialisten sichergestellt wird.

Historisch etabliert hat sich aber auch die Situation, dass nicht nur die authentischen Besitzenden die Zukunft einer Stadt bestimmen, sondern zunehmend die ausschliesslich auf abstrakte Rendite abzielenden Investoren und Gesellschaften, deren Mitarbeiter selbst zumeist keinerlei Bezug zum konkreten Gebilde der Stadt vorweisen und leben. Diese neuzeitlichen Entwicklungen städtischer Situationen haben uns – global und oftmals auch regional betrachtet – an den Rand ökologischer und sozialer Abgründe geführt. Diese Systeme sind nicht zukunftsfähig und ihre Grenzen sind bald erreicht.
In den letzten Jahrzehnten begann in vielen Städten ein Umdenken, in vielen Beispielen getrieben von einer «Wissenschaft von unten». Mit einstigen Schlagworten wie «Hausbesetzung» und «Revolution» hat all dies nicht viel zu tun: Es geht darum, die Notwendigkeiten eines anderen Handelns zu erkennen und in lernenden Zusammenschlüssen Wissen zu sammeln, neue Wege des Umgangs mit städtischem Grund und Boden zu erkunden und technisch wie ästhetisch und sozial innovative Bau- und Nutzungsarten zu erproben und durchzusetzen.

An dieser Stelle möchte die IG Stadtentwicklung vorerst nur eine kurze Liste ihrer Arbeitsansätze vorstellen. Die Aufzählung der Diskussions- und Arbeitsthemen wird sich im Verlauf unseres Handelns ständig verändern und erheblich erweitern.

Bezahlbare Räume für das Wohnen, Arbeiten und kulturelle Leben

Je knapper die innerstädtischen Bodenreserven werden, desto teurer werden sie im Kampf der Investoren und Nutzniesser. In Neuerschliessung und Verdichtung werden Gebäude erstellt, die hochpreisigen oder lediglich für Mittelverdienende «günstig» scheinenden Wohnraum bieten. All jene Bewohner, die einem städtischen Raum die tatsächliche junge, nachwachsende und innovative Kultur liefern und die in der Regel auch das für die Zukunft unverzichtbare Wissen produzieren und die Lehre sicherstellen, werden an den Rand gedrängt und praktisch vertrieben. Die derart kurzsichtig agierende Stadt entleert sich selbst und führt dabei auch alle zukunftsorientierten Visionen, Zertifizierungen und Entwicklungen ad absurdum.

Lebendige Quartiere und Nachbarschaften

«Der Mensch lebt nicht vom Brot allein», so steht es schon im «Buch der Bücher» unserer hiesigen Hauptreligion. In Bezug auf die Stadt bedeutet dies, dass wir uns nur in einer gesunden, lebendigen Interaktion mit unserem näheren oder weiteren Umfeld wohl fühlen können. Ob wir dicht aufeinanderhocken oder einen grossen Rückzugsort für uns allein in Anspruch nehmen können – ohne soziale Kontakte, ohne Hilfe und Unterstützung, ohne Initiative und gegenseitige kulturelle Bereicherung ist das Leben in der Stadt kein menschliches.
Die abstrakte, unternehmensorientierte Sortierung unserer Quartiere durch eine lebensfremde Wertgestaltung der Wohnbauten zerstört unser soziales Leben, unsere Gesundheit, unsere Arbeitsfähigkeit und unsere Kulturen.

Ein Miteinander des Wohnens, Arbeitens und Handelns

Quartiere mit aufgespaltenen, einfältig geordneten und nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten erstellten Bewohner- und Nutzungsprofilen sorgen für Anonymität, Vereinsamung, soziale Kälte und eine vielfache Gefährdung körperlich oder sozial schwächerer Menschen. Nur Quartiersituationen mit einer funktionierenden gemischten Nutzung gewährleisten all das, was sich die meisten von uns als Selbstverständlichkeiten ihres Alltags wünschen: Lebendigkeit, Anregung, Vertrauen und Sicherheit.
Auch die heutigen und zukünftigen Migrationsbewegungen und deren Auswirkungen auf unser urbanes Leben, mitsamt der notwendigen infrastrukturellen Massnahmen, sind verpflichtend in realistische Stadtentwicklungs-Diskussionen einzubeziehen.

Verkehr: Verantwortung von heute und Steuerung der Zukunft

Fast alle Stadtbewohner sind in irgendeiner Weise mobil und in ihrem Leben vom Verkehrsangebot abhängig. Etabliert hat sich dabei eine fast ausschliessliche Berücksichtigung gegenwärtiger Bedürfnisse, ohne jegliche Rücksicht auf die biologischen und technischen Zerstörungen, die wir den kommenden Generationen hinterlassen. Eine vorausschauende Stadtentwicklung schützt die Bevölkerung nicht nur temporär vor Lärm, Schmutz und Gefahren, sondern arbeitet an tragfähigen, umweltverträglichen Konzepten urbaner Mobilität. Verständlicherweise fokussiert die IGS ihr Interesse auf den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und der schadstofffreien individuellen Mobilität.

Das Gesicht einer Stadt prägt sich durch Grün- und Freiräume

Was macht eine Stadt besonders? Dies sind nicht nur ihre Bauten, Nutzungen und technischen Anlagen, sondern vor allem die unbebauten Gemeinflächen, die von allen Bewohnern zu nutzenden grünen Oasen und nach jeweiligem Zeitgeschmack gestalteten Plätze und Zonen. Jede historische Stadt, die in ihrer Vergangenheit etwas auf sich hielt, präsentiert uns zahlreiche Beispiele dieser sozialen und zum Teil auch «natürlichen» Zonen. Kurzsichtige und spekulierende Planungen begegnen unseren Bedürfnissen nach Grün- und Freiräumen mit Ignoranz und Missverständnis. Eine grüne Stadtlandschaft – vor allem in Luzern mit ihrer einmaligen topographischen Lage – bedient sehr viel mehr als alternative Emotionalität; sie bildet die Lunge unseres urbanen Lebens.

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